1996: Kiez-Krieg in Hamburg – Machtkampf um 8.000 Prostituierte

Mit einem Anflug von Wehmut denkt die Hamburger Polizei an jene Zeiten zurück, in denen noch deutsche Zuhälter St. Pauli beherrschten. Das waren zwar auch schwere Jungs, und Schießereien und Leichen gab es auch. Im Vergleich zu den heutigen Kiez-Königen aus der Türkei, Albanien oder Rußland waren sie jedoch noch harmlose Westentaschen-Luden. Die neuen Bosse aus Ost- und Südeuropa sind unberechenbarer und brutaler.

Hamburg St. Pauli am vergangenen Wochenende. Großeinsatz von Polizei und Rettungsdiensten im Bordellclub „Blue Night“. Notärzte kämpfen um das Überleben Schwerverletzter. Kurz zuvor hatten südeuropäische Banden und ein deutscher Handlanger das größte Blutbad in der Kiez-Geschichte Hamburgs angerichtet.

Bis an die Zähne bewaffnet stürmten sie ins Bordell und eröffneten das Feuer – ohne Vorwarnung. Die Gäste schossen prompt zurück. Die schreckliche Bilanz an diesem Abend: zwei Tote, vier Schwerverletzte.

Konrad FREIBERG (Gewerkschaft der Polizei)

„Wir stehen vor einer neuen Welle von Gewalt, das merken wir, wir haben Gewaltauswüchse, wie wir sie bisher noch gar nicht kannten. Und wir sehen dazu, daß kriminelle Gruppierungen , insbesondere Albaner und türkische kriminelle Gruppierungen, immer mehr die Marktanteile im Rauschgiftbereich, im Prostitutionsbereich, im Eigentumsbereich gewinnen und auch deutsche Zuhälter weggehauen werden, weggeschossen werden, so daß hier natürlich eine neue Verteilung von Macht auf dem Kiez stattfindet.“

Hinter den Glitzerfassaden der sündigsten Meile der Welt tobt ein Kampf um Marktanteile: am Drogenhandel, am Waffenhandel, vor allem aber an der Prostitution. 8.000 Prostituierte schaffen in Hamburg an, so viel wie in keiner anderen deutschen Stadt. Vor allem süd- und südosteuropäische Banden drängen mit Gewalt in das Milliardengeschäft auf dem Kiez.

Und sie sind die Verlieren: die Hamburger Kiezgrößen der achtziger Jahre. Gerne mimten die Zuhälter und Drogenschieber der Reeperbahn die feine Gesellschaft. In edles Tuch gehüllt erweisen sie einem der Ihren die letzte Ehre – unter reger Anteilnahme der Hamburger Bevölkerung. Damals war der Kiez gesellschaftsfähig. Da fühlte sich mancher Ganove wie ein kleiner König.

Auch er schon fast eine Kiez-Legende: Karl Heinz Schwensen, mehrfach verurteilt für Milieudelikte, unter anderem auch, weil er für einen Doppelmord die Tatwaffe beschafft haben soll. Vor drei Jahren hatte Karl Heinz Schwensen seine Strafe abgebrummt. Kaum wieder in feinem Zwirn, weiß er, was er sich und seinem Publikum schuldig ist.

Im Sommer 1996 liegt Karl Heinz Schwensen verletzt im Garten eines Bistros im feinen Hamburger Stadtteil Pöseldorf. Mehrere Südeuropäer sollen das Lokal gestürmt und Karl Heinz Schwensen niedergeschossen haben. Ein Warnschuß, so das Kiez-Geflüster, weil er bei den falschen Leuten Schulden machte. Andere Kiez-Größen oder solche, die sich dafür hielten, kamen nicht so glimpflich davon.

Mord auf dem Kiez an einem Hamburger Zuhälter. Der Täter, ein junger Türke, wurde gefaßt. Von den Hintermännern keine Spur. Der Kiez kommt nicht mehr zur Ruhe – zwanzig Morde allein in diesem Jahr, mehr als je zuvor.

Wieder ein Mord, gleich neben der Reeperbahn. Die Leiche geht diesmal auf das Konto sizilianischer Täter. Die Banden aus Süd- und Osteuropa sind straff organisiert, ihre Killerkommandos schlagen ohne Rücksicht auf eigene Verluste brutal zu. Die brachiale Gewalt trifft Hamburger Zuhälter mit voller Wucht.

KONRAD FREIBERG (Gewerkschaft der Polizei)

„Das Zentrum, das kriminelle Zentrum, auch hier in St. Pauli, wird überwiegend dann den Ausländern überlassen, den ausländischen Gruppierungen. Und man muß sehen, daß hier auch insbesondere aus Albanien und auch aus Kurdistan viele Leute kommen, junge Leute, die eine Gewalttätigkeit an den Tag legen und gar über Konsequenzen mehr nachdenken, also alles weghauen, wegschießen, ohne Sinn und Verstand, kann man sagen, ohne an die Konsequenzen zu denken. Und dies ist natürlich für einen deutschen Zuhälter oder für einen Kriminellen zum Fürchten.“

Wieder ein erschossener Hamburger Zuhälter. Die Polizei ist ohnmächtig angesichts der Serienschießereien auf dem Kiez. Die Hamburger Kiez-Größen kennt sie, mancher Informant sitzt im Milieu, hinter manchem Tresen steht ein verdeckter Ermittler. Die Banden aus Süd- und Osteuropa dagegen agieren total abgeschottet, die Täter können sich schnell absetzen, die Hintermänner bleiben im Dunkeln.

Vorbei die Zeiten, als ein Bordellbau noch mit Pomp und Gloria von der Hamburger Society bedacht wurde. 1967 feierte St. Pauli den angesehenen Immobilienmillionär Willy Bartels, den Erfinder des Eros-Center.

Ein ZIMMERMANN:

„Dem Bauherrn ein dreifaches Hoch, Hoch, Hoch.“

WILLY BARTELS:

„Meine Frau hat jetzt vor, diesem Bau den Namen zu geben, indem sie dieses Schild enthüllt.“

FRAU BARTELS:

„Ich gebe diesem Haus den Namen ‚Eros-Center‘.“

1996, fast zwanzig Jahre später, haben albanische Zuhälter auch im einstigen Eros-Center Fuß gefaßt. Vor wenigen Tagen sollen sie sich im Laufhaus eingekauft haben, mit welchen Mitteln auch immer. Gleich nebenan die Traditionskneipe „Ritze“, Inhaber ist die Kiez-Legende Hanne Kleine. Auch der verliert den Durchblick im Milieu.

HANNE KLEINE: „Früher habe ich jeden einzelnen Puff gekannt, jeden Puff-Boss. Ich hab selber ein paar Puffs hier gehabt in Hamburg, im Eros, im Palais, überall. Und jetzt kenne ich keinen Menschen, ich kenne keinen Besitzer mehr.

INTERVIEWER:

„Und wer hat die Puffs jetzt?“

HANNE KLEINE:

„Im Palais haben noch ein paar Deutsche. Aber sonst so, in den kleinen Straßen, sind es alles Türken und was weiß ich. Ich kann keine Namen sagen. Ich wüßte keinen.“

1996: Der Kiez wird neu aufgeteilt. Noch sind Hamburger Zuhälter an einigen Bordellen beteiligt. Doch Straßenzug für Straßenzug übernehmen Türken und Albaner die Bordelle. Die Geschäftsbedingungen sind ganz einfach: Wer nicht weichen will, wird kaltgemacht. Mittlerweile reicht häufig schon die Drohung.

Nicht nur die Bosse haben gewechselt, auch das Personal: 8 Prozent aller Prostituierten in Hamburg kommen mittlerweile aus Osteuropa. Sie sind die eigentlichen Opfer der brachialen Gewalt auf dem Kiez. Die Frauen arbeiten illegal, sind total ortsunkundig und der Brutalität osteuropäischer Zuhälter fast wehrlos ausgeliefert.

ULRIKE MENTZ: (Amnesty for women)

„Oftmals arbeiten sie 12 bis 14 Stunden am Tag, haben manchmal bis zu zwanzig Freiern, das sind 100 bis 150 Mark pro Freier, die sie verdienen, und wenn sie Glück haben, verbleiben ihnen davon pro Tag ca. 20 bis 50 Mark, insgesamt. Es passiert beispielsweise, daß diese Frauen gezwungen werden mit Messern, mit bestimmten Leuten Geschlechtsverkehr auszuüben. Es gibt junge Frauen, die hierhier gebracht werden, regelrecht eingeritten werden, so nennt man das.“

Osteuropäische Frauen, die aussteigen wollen, haben kaum eine Chance. Das Netzt der Menschenhändler reicht bis in ihre Heimatländer. Sie werden erpreßt mit Drohungen gegen ihre Familien. Und wenn tatsächlich die Flucht gelingt, bleiben ihnen die Menschenhändler auch im Heimatland auf den Fersen.

ULRIKE MENTZ:

„Also wir haben es auch schon gehabt oder unsere osteuropäische Mitarbeiterin, die hat es schon gehabt, daß sie einmal eine Frau in den Bus gesetzt hat und nach Hause geschickt hat, daß wir geschafft haben, daß sie nach Hause fahren kann, und daß sie wenige Tage später wieder hier war. Wir haben Frauen, die bis zu vier Mal wieder hierher gebracht werden.“

Ein unscheinbares Haus in Hamburg: Hier hielten Menschenhändler drei Ungarinnen gefangen. Letzte Zwischenstation, bevor die Frauen an Bordelle verkauft werden sollten. Einer Frau gelang die Flucht, sie rannte direkt in die Arme eines Streifenpolizisten. Ein mobiles Einsatzkommando überwältigte die schwerbewaffneten Menschenhändler und befreite die gequälten Frauen.

Quelle: Das Erste – 14.11.1996 – 21 Uhr

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s