Wie entstand der Begriff „Zuhälter“?

Der  Begriff „Zuhälter“ stammt ursprünglich aus der Polizeisprache des 19. Jahrhunderts und ist ein veraltetes Wort für Prostituierte, die damals auch Kupplerinnen genannt wurden.

Im Unterschied zu männlichen Zuhältern, die sich ihre „Beschützer-Dienste“ von den Prostituierten bezahlen lassen, trieben die Kupplerinnen das Geld direkt bei den Freiern ein.

Mit dem Ende des 2. Weltkrieges und dem beginnenden Boom des Rotlichtgewerbes kommt es auch zu einer Wiederbelebung von Zuhältervereinigungen. Wilfried „Frieda“ Schulz, Typ Hanseatischer Geschäftsmann, lenkt und leitet in den 70er Jahren nahezu den gesamten Rotlichtbereich auf dem Kiez in Hamburg-St. Pauli. Es sind „Luden“ wie er, die die Geschichte der alten Zuhältervereinigungen prägen. Zuhälter, die in ihrem jeweiligen Milieu verwachsen sind und in ihrer Erscheinungsform Wert auf äußere Legalität legen. Symptomatisch für das Auftreten vieler Zuhälter wird zudem ein ausgeprägter Mannbarkeitsritus, sprich die Fähigkeit sich mittels Faustrecht durchzusetzen, das überzogene Zurschaustellen ihrer Potenz und von Statussymbolen, wie teuren Rolex-Uhren und teuren Autos.

Zwei der bekanntesten Zuhältergruppen in den 70ern waren die konkurrierenden „GmbH“ und die jungen Wilden der „Nutella“. Bei der GmbH standen die 4 Buchstaben für deren Bosse, Gerd, Micha, Beatle und Harry > Gerd Glissmann, Michael Luchting, Walter „Beatle“ Vogeler und Harry Vörthmann. Bei der Nutella ( den Namen gaben ihnen die Bosse der GmbH wegen ihres jugendlichen Alters, weil sie dachten, die schmieren sich morgens Nutella aufs Brot…..was vereinzelt auch stimmte ) sind bis heute nicht alle Gründungsmitglieder bekannt. Einer der Anführer war Klaus Barkowsky (Lamborghini Klaus oder der Schöne Klaus genannt ). Den Rücken frei hielten ihm Thomas „Karate-Tommy“ Born und zwei weitere Karate-Kämpfer. Born starb am 1. Mai 2015 an einem Herzinfarkt, einer der beiden Karate-Kämpfer starb in der Nacht zum 22. Oktober 1982 im Kugelhagel verfeindeter Zuhälter im Salon Bel-Ami. Der andere Karate-Kämpfer und Klaus Barkowsky erfreuen sich heute noch bester Gesundheit.

Als dritte Zuhälter-Gruppe kam damals die von Reinhard „Ringo Klemm“ geführte Truppe vom damaligen Eiscafe Chikago ( unten Disko und oben Bordell ) am Hans-Albers-Platz hinzu.

Der Prostitutionsmarkt veränderte sich. Konkurrenzen wie Kleinanzeigen, Veränderungen im Konsumverhalten und das Auftauchen neuer und härterer Drogen, insbesondere der „weißen Dame“ Kokain, verschärfen die Stimmung und den Umgang untereinander auf dem Kiez. Ab 1981 werden Revierkämpfe und neue Geschäftsinteressen auch mit Waffengewalt und Todesfolgen ausgetragen. Der alte Kiez-Codex „ohne Waffen“ haut auf dem Kiez in St. Pauli fortan keine Gültigkeit mehr.

Die Geschichte dieser 3 Zuhälter-Gruppierungen endet Mitte der 80er Jahre mit den Schüssen im Salon Bel Ami in der Nacht zum 22. Oktober 1982, bei denen die Nutella-Jungs „Angie“ Becker und „SS-Klaus“ Breitenreicher ihr Leben im Kugelhagel lassen mußten. Karate-Tommy rettete sich, angeschossen, mit einem Sprung nach rückwärts durch eine geschlossene Tür, was ihm sonst nicht liegt.Die 3 Täter, die nach ihrer schriftlichen Erklärung „vor allem Angst“ gehabt haben wollen vor der „Nutella“-Gang, fühlten sich bedroht und handelten „in Notwehr“, als die Tür aufging. Das war das Ende des „Kiez-Kodex, Konflikte ohne Waffen auszutragen und rief natürlich Justiz, Senat und Polizei auf den Plan.

Am 3.10.1982 starb mit Michael Luchting einer der vier GmbH Bosse. Ein Förster fand ihn bei Thieshope in der Heide erhängt an einem Hochsitz. Obwohl sein Tod nach nicht allzu intensiven Ermittlungens als „Freitod“ bezeichnet wurde, gibt es einige noch lebende Zeitzeugen, welche meinen, dass Michael Luchting nicht freiwillig aus dem Leben schied, sondern entweder mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen wurde, oder aber zuvor betäubt und dann aufgehängt wurde.

Es folgte danach eine bis dahin in Deutschland beispiellose Mordserie, begangen von dem Auftragskiller Werner „Mucki“ Pinzner, der für den „Wiener Peter“ mehrere „Konkurrenten“ aus dem Weg räumte und nach seiner Festnahme bei einer Vernehmung den ermittelnden Staatsanwalt, seine Frau und sich selber erschoss.

„Mucki“ hat in neun Monaten fünf St. Paulianer umgebracht. Der Auftraggeber: Kiez-Größe „Wiener Peter“. Pinzner wurde bei seiner Festnahme nackt, in Ketten, aus seiner Bude in die grüne Minna geführt. Es ist der 15. April 1986, 16 Uhr. Polizisten dringen in Pinzners Wohnung an der Steilshooper Straße ein. Pinzner kommt gerade aus der Dusche, hat nur ein Handtuch um die Hüften geschlungen und keine Zeit mehr, zu seinem Revolver zu hechten, der unter einem Sofakissen liegt.Bei den anschließenden Vernehmungen lockt Pinzner den Staatsanwalt mit der Aussicht, er würde noch mehr Morde gestehen. Immer wieder wird er vernommen. Zum letzten Mal am 29. Juli 1986. 

Zum Frühstück um 7 Uhr hat es Graubrot gegeben, Margarine, Marmelade, dünnen Knast-Kaffee. Und als Dessert eine Ladung Kokain, das Pinzner in einem Döschen („CD – die milde Creme“) versteckt hat. Außerdem zerbricht der Killer ein Fieberthermometer und schluckt die Quecksilberkügelchen – er will sicherstellen, dass er diesen Tag auf keinen Fall überlebt.

Kurze Zeit später setzen sich zwei Autos in Richtung Polizeipräsidium in Bewegung. Eins vom Maienweg, darin: Pinzners Ehefrau Jutta und seine Anwältin Margarethe Müller (Name geändert). Das zweite vom UG am Holstenglacis. Darin: der streng bewachte Auftragsmörder Werner Pinzner.

An Jutta Pinzners Oberschenkel klebt, befestigt mit „Hansaplast“, ein „Smith & Wesson“-Revolver, der lange Rock verdeckt ihn. Und in ihrer Handtasche zwölf Ersatzpatronen, Kaliber 9 Millimeter, eingewickelt in ein Handtuch. Die Kanone hat die Anwältin zuvor in einer Kiezkneipe besorgt. Dafür wurden später drei Männer aus dem Umfeld des Chikago am Hans-Albers-Platz angeklagt und verurteilt.

Niemand kontrolliert die Frauen, als sie das Polizei-Hochhaus betreten!

Bevor Jutta Pinzner das Vernehmungszimmer betritt, geht sie zur Toilette und versteckt den Revolver in ihrer Handtasche. Der tödliche Countdown hat begonnen.

10 Uhr. In Zimmer 418 sind anwesend: die Pinzners, Anwältin Müller, Staatsanwalt Wolfgang Bistry, zwei (unbewaffnete) Polizisten und eine Schreibkraft, die Pinzners Geständnis zu Protokoll nehmen soll.

Jutta Pinzner ist nervös, Schweißperlen stehen auf ihrer Stirn. „Kann hier mal jemand ’n Fenster aufmachen?“, pöbelt Pinzner. In der jetzt entstehenden Unruhe passiert es: Jutta Pinzner gibt dem Mann, dem sie trotz seiner Brutalität – auch ihr gegenüber – hörig ist, die Waffe. Niemand bemerkt es.

Es ist 10.20 Uhr, als Wolfgang Bistry die Vernehmung eröffnet. „So“, sagt er zu Pinzner, „dann schießen Sie mal los.“

Eine Aufforderung, die Sekunden später grausame Realität wird. Plötzlich hat der Fünffach-Mörder den Revolver in die Hand, sagt: „Meine Herren, das ist eine Geiselnahme“ – und dann schießt er. Staatsanwalt Bistry wird in den Kopf getroffen, er stirbt tags darauf. Den Polizisten gelingt die Flucht – was hätten sie auch ausrichten sollen ohne Waffen gegen einen skrupellosen Mörder, der Amok läuft.

Pinzner ist nun allein mit seiner Frau, seiner Anwältin und der bedauernswerten Sekretärin, die das tödliche Finale mitansehen muss. Der Killer telefoniert kurz mit seiner Tochter Birgit aus erster Ehe, das Gespräch beendet er mit dem Satz: „Ich liebe Dich.“ Dann kniet sich Jutta Pinzner vor ihren Mann, öffnet den Mund. Pinzner schiebt den Lauf des Revolvers hinein – und drückt ab. Als seine Frau tot vor ihm liegt, jagt er sich selbst eine Kugel in den Kopf.

Nachdem sich die Nachricht seines Todes auf St. Pauli rumgesprochen hatte, knallen erst die Champagnerkorken – und dann fahren die Zuhälter mit ihren Protzschlitten in Zweierreihen hupend über den Kiez, an den Antennen flattern schwarze Bänder. Konvoi für einen Killer.

Was dann folgt sind Großrazzien, Kneipenschliessungen und das Verbot der Hells Angelsals kriminelle Vereinigung. Auch GmbH und Nutella werden empfindlich getroffen. Deren Geschäftskonten werden gesperrt und Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung, räuberischer Erpressung und Körperverletzung geführt und Anklagen erhoben.

Der deutsch-deutsche Mauerfall 1989 und die Zusammenbrüche Jugoslawiens und Albaniens sind zwei der wichtigsten Umschwünge Anfang der 90er Jahre. Viele Kosovo-Albaner kommen auch in den norddeutschen Raum. Ein paar wenige von ihnen bilden auch Zuhältercliquen, die vor allem durch einen hohen Organisationsgrad und durch Gewaltbereitschaft auffallen. Sie haben dann das Milieu auf St. Pauli schwerwiegend verändert und das nicht zum Guten hin.

Ein Beispiel für die Einflussnahme von albanischen Interessengruppen sind die Osmani-Brüder Burim, Bashkin, Bekim und Quazim. Sie kamen Ende der 70er Jahre nach Hamburg. Spätestens seit Ende der 80er Jahre ermittelte das LKA Hamburg wegen Bidlung einer kriminellen Vereinigung gegen die Osmani-Brüder. Die Deliktformen betreffen u.a. illegales Glücksspiel, Geldwäsche, Drogenhandel, Erpressung, gefährtliche Körperverletzung und unerlaubter Waffenbesitz. Für erschlichene Millionekredite in Höhe von 30 Millionen Euro werden Burim und Bashkim Osmani im Oktober 2008 in einem der größten Wirtschaftsstrafverfahren der Nachkriegszeit vor dem Landgericht in Hamburg zu Haftstrafen verurteilt. 

Die Lücke nach dem Ende von GmbH und Nutella schloss Carsten Marek mit seinen „Hamburger Jungs“. Mehr als 30 Jahre lang war der Kickboxer, der es im Kickboxen bis zum Weltcupsieg brachte,  auf dem Kiez aktiv gewesen (Marek: „Einmal St. Pauli, immer St. Pauli“). Mit 15 fängt der gelernte Klempner aus Rothenburgsort mit dem Kickboxen an. Fünf Jahre später trainiert er auf dem Kiez und findet Gefallen am Rotlicht-Milieu. Zunächst mit Brutalität, aber dann immer mehr mit Schläue und Diplomatie schafft es Marek, die wilden 80er und 90er Jahre, als Kiez-Killer „Mucki“ Pinzner und schießwütige Albaner herumballerten, zu überstehen.

Der 1960 geborene Carsten Marek, der Mitte der 70er (1976) zum ersten Mal in der Tür des Kampfsport-Clubs „Nippon“ steht, ist kein plumper Haudrauf. Der 16-jährige Bruce Lee-Fan mit den guten Manieren ist ein Juwel. „Carsten Marek war engagiert, ruhig und fleißig“, sagt einer, der damals dabei war. „Und sein Sidekick war ausgezeichnet.“

Fürs Kickboxen braucht man Schnelligkeit und Kraft. Beides hat der drahtige Bursche aus kleinen Verhältnissen. Seine Mama, die den Jungen in Barmbek alleine groß zieht, fördert sein sportliches Engagement und achtet auch sonst darauf, dass aus ihm etwas wird: „Sie sorgte damals dafür, dass er eine Ausbildung als Klempner machte“, erzählt ein damaliger Weggefährte.

Im Ring wird der Klempner-Lehrling zum Knockouter: „Als braver Junge kannst du im Ring nicht überleben, du brauchst den Killerinstinkt. Und den hatte Carsten“, heißt es.

Bis zu 200 Prostituierte schaffen für seine Bande „Hamburger Jungs“ an. Die Polizei kann ihm zunächst nichts – bis 2005. Nach einer Schießerei zwischen seiner Zuhälterbande und zwei Konkurrenten wird zu Großrazzien geblasen. Marek landet in U-Haft, doch vor Gericht kommt er mit einem blauen Auge davon. 2007 wird Marek wegen gewerbsmäßigen Menschenhandels zu 22 Monaten auf Bewährung verurteilt.

Carsten Marek, der „König vom Kiez“ dankte später ab und fängt mitten im öden Gewerbegebiet an der Süderstraße in Hamm neu an. Mit 53 Jahren hat Carsten Marek St. Pauli den Rücken gekehrt und das Großbordell „Babylon“ übernommen.
„Die Meile ist unglaublich aggressiv geworden“, hatte Marek vor Jahren gesagt. Und jetzt hat die Rotlicht-Größe aus dieser Erkenntnis die Konsequenzen gezogen.

Seit Januar ist er nun Boss im „Babylon“, nennt den Puff „Gentlemen’s Club“. Finanziert hat Marek die Übernahme mit Krediten. Und zwar keine von der Bank, sondern vom Milieu. Die Geldgeber werden auf pünktliche Rückzahlung pochen. In Zeiten in denen man im Rotlicht über stark sinkende Umsätze klagt, geht Marek mit dem Neustart ein hohes Risiko ein.

Der Kiez in St. Pauli ist heute schon lange nicht mehr das, was er bis Ende der 70er Jahre war. Damals waren die Zuhälter, bis auf einige unrühmliche Ausnahmen, mehr oder weniger noch „Beschützer“. Die für sie anschaffenden Prostituierten taten das damals mehr oder weniger freiwillig, gezwungen dazu wurde damals, in der „Goldenen Zeit“ keine Prostituierte.

Heute teilen sich kriminelle Ausländer-Zuhältergruppen (Iraner, Türken, Kurden, Albaner) den Kiez. Und durch sie kam es zur Zwangsprostitution. Es gibt auf dem Kiez nur noch wenige Deutsche Prostituierte. Die meisten der heute auf dem Kiez „anschaffenden“ Prostituierten kommen aus Ostblockländern und werden dazu gezwungen.

Dazu kommen jede Menge afrikanischer Drogendealer, die sich illegal in Deutschland aufhalten und auf dem Kiez ihren dreckigen, kriminellen Geschäften nachgehen.

Und der bauliche Verfall und die Schliessung vieler Bars wegen Nepp hat sein übriges dazu beigetragen, dass man heute den Kiez nicht einmal mehr ansatzweise mit der „guten alten Zeit“ vergleichen kann.

 

 

 

 

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