St. Pauli 70er und 80er – Krieg der Zuhälter – das Ende der GmbH

Tausend Schritte sind es vom Millerntor am oberen Ende der Reeperbahn bis zum Bismarckdenkmal. Tausend Schritte vom unteren Ende, dem Nobistor, bis zum Fischmarkt. Dazwischen die Geräusche vom Hafen her. St. Pauli ist ein Stadtteil mit der Einwohnerzahl einer großen Kleinstadt.
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Die letzten Grüße an den „schönen Mischa“ (Michael Luchting) sind verwelkt. Die Endstation der größten Pomp-Revue, die der Hamburg-Ohlsdorfer Friedhof seit langem erlebte, ist nur noch ein Haufen Müll. Übereinander gestapelte Kränze, abholbereit.
Die 8000 Nelken, aus denen das Prunkstück der Trauerfeier, ein aufgebahrter Rolls-Royce, gesteckt war, sind bräunlich geworden, wie mit Rost überzogen. Die Orchideen, die den neun Zentner schweren Eichensarg des „schönen Mischa“ schmückten, sind verschwunden. Die bunten Schleifen liegen zerknittert auf dem Rasen. Aber die Inschriften sind noch zu lesen. Es grüßen die „Hells Angels“, es grüßt „die Belegschaft Haus 20“, der „Salon Mademoiselle“, die „Ritze“ – und es grüßt die Freundin: „Meinem Schmusi Deine Manu in Liebe.“ Und dann steht da noch, ganz unscheinbar, auf einer der Schleifen, ein merkwürdiger Ausspruch: „Bis später.“
Der schöne Mischa wurde am 3. Oktober 1982 an einem Hochsitz am Waldrand von Thieshope erhängt aufgefunden.
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Auf der Reeperbahn hörte man es damals flüstern,  Michael Luchting habe gar nicht Selbstmord gemacht. Die für den Fall zuständige Lüneburger Polizei habe sich bluffen lassen, sie hätte Luchtings Körper auf Einstiche untersuchen müssen, schließlich gebe es schnell wirkende Gifte, die später kaum noch nachweisbar seien.
Seine Beerdigung am 16. Oktober 1982 war die größte und pompöseste, die der Ohlsdorfer Friedhof je gesehen hatte.
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Harry Voerthmann, „Beatle“ Walter Vogeler und Uwe Schwensen
Allerdings auch eine der verlogensten, denn seine 3 ehemaligen Freunde und „Mitbosse“ der Zuhälter GmbH, Harry Voerthmann (starb im Juni 2016 völlig verarmt in einem Altenheim in Schleswig-Holstein) ,  „Beatle“ Walter Vogeler ( war auch verarmt , fuhr zuletzt Taxi und starb im Mai 2011 in Hamburg an Herzstillstand) und Gerhard Glissmann ( ist der Einzige der 4 GmbH-.Bosse der noch lebt ) hatten Michael Luchting im Sommer 1982 ausgebootet, als er auf Mallora 4 Monate im Gefängnis saß und seine Anteile unter sich aufgeteilt. Als er freikam, wollte er sich seine Anteile zurückholen. Das Ergebnis ist bekannt, sein Leben endete am Waldrand von Thieshope an einem Hochsitz. Zu besten Zeiten kassierte jedes „GMBH“-Mitglied damals rund 200 000 Mark im Monat.

Er stammte aus einer Zeit, in der sich die Könige vom Kiez noch klangvolle Künstlernamen gaben: „Lackschuh-Dieter“, „Hunde-Helmut“, „Chinesen-Fritz“, „Der schöne Mischa“, „Lamborghini Klaus“ oder der „Schöne Klaus“ … Und eben „Beatle“.

So nannten sie Walter Vogeler wegen seiner Vokuhila-Frisur, die damals der letzte Schrei war. Mit seinem Tod hat einer der letzten  Luden aus der großen Zeit deutscher Zuhälter die Bühne verlassen. 

Mitte der 80er-Jahre. „Miami Vice“ fegt die Straßen leer, und über den Kiez kurvt einer im Sportwagen, der Serienheld „Sonny Crockett“ wie ein Zwilling gleicht: Leder-Slipper, weite Hose, weißes T-Shirt, die Ärmel des Sakkos hochgekrempelt, Gold-Rolex. Nur die Frisur ist noch einen Tick bescheuerter als in der TV-Serie: „Beatle“ Vogeler.

Er ist Mitglied einer berüchtigten Zuhälter-Truppe: Gerd Glissmann (zuständig für Finanzen), Michael Luchting („Der schöne Mischa“, Anwerbung und Betreuung der Huren), „Beatle“ (Zucht und Ordnung) und Harry Voerthmann (Immobilienverwaltung).

Ihre Anfangsbuchstaben bilden die „GMBH“– eine „Gesellschaft Mit Bereitwilligen Huren“, die nie den Weg ins Handelsregister findet.

Die Truppe verdient sich dumm und dämlich, jeder „Gesellschafter“ um die 200 000 Mark im Monat. Steuerfrei, logisch.

Alles geht gut, bis sich eine Boygroup junger Zuhälter auf dem Kiez breitmacht und der arrivierten „GMBH“ in die Quere kommt. Wegen ihres zarten Alters von um die 20 Jahre werden die Typen „Nutella“-Luden genannt.

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Als dann noch Aids den Freiern die Lust am Sex vermiest, geht es bergab. „Der schöne Mischa“ hängt eines trüben Herbst-Tages an einem Baum in der Lüneburger Heide, andere Luden werden erschossen, verlassen Hamburg oder verschwinden sonstwie in der Versenkung.

Nur „Beatle“ bleibt. Aus den guten alten Zeiten hat Vogeler nur die protzige Gold-Rolex retten können.

Ansonsten: Die drei Etagen im „Eros-Laufhaus“ futsch, der Puff an der Silbersackstraße dito.

Zeitweilig hatten die neuen Rotlicht-Könige „Beatle“ Hamburg-Verbot erteilt, weil er seine Schulden nicht bezahlte.

Als Ehefrau Ilona vor einigen Jahren das Zeitliche segnete, musste das Sozialamt einspringen und die Beerdigungskosten übernehmen.

Um sich über Wasser zu halten, fuhr „Beatle“ Taxi.

Im Mai 2011 starb der ehemalige Rotlicht-König an einem Herzstillstand. Er wurde 69 Jahre alt.

Heimlich, still und arm – also ganz anders, als er einst gelebt hatte – soll Harry Voerthmann  gestorben sein. Bekannt geworden war der am 4. November 1938 in Dortmund geborene Hüne als „der Hundertjährige“. Er war Teil des berüchtigten Rotlichtkartells „GMBH“, das St. Pauli in den 70er und 80er Jahren dominierte.

Harald Voerthmann – das „H“ der GMBH – soll nahe Itzehoe in einem Pflegeheim gestorben sein. Seit Jahren litt er an Demenz. Waldemar Paulsen (68), als ehemaliger Streifenpolizist einst im Milieu unterwegs und als Buchautor („Meine Davidwache“, Rowohlt) heute eine Art „Chronist“ und Kiez-Netzwerker, hat es über eine Ex-Prostituierte erfahren, die in der Schweiz lebt.

– Quelle: http://www.mopo.de/24187572 ©2016

Der Fall Michael Luchting gibt den Ermittlern aber bis heute Rätsel auf.

Michael Luchting, genannt „der Schöne Mischa“ und das M der Zuhälterbande GMBH, wurde 1982 in einem Wald bei Hamburg an oder neben einem Hochsitz erhängt aufgefunden. In seinem in der Nähe geparkten Auto wurden 2 handgeschriebene Abschiedsbriefe gefunden. Bis heute ist es unklar, ob dieser Todesfall als Mord oder Selbstmord zu werten ist.

Michael Luchting war als Zuhälter in den 70er- und frühen 80er-Jahren sehr erfolgreich. Er hatte in der grossen Zuhälterbande GMBH die Aufgabe des Poussierers, also die der Anwerbung von Frauen.

Herkunft:

Michael Luchting kam aus Stuttgart und hatte früh seinen Vater, ein Kammermusiker, verloren. Luchting wuchs in einem Internat auf und machte danach eine Banklehre.
Dann kam er über die Bundeswehr nach Hamburg und arbeitete dort nach seinem Wehrdienst als Kellner und später als Poussierer. So begann für ihn der Einstieg in das Milieu. Im Jahre 1973 lernte er eine reiche Prostituierte aus dem Eros-Center kennen, die 1975 in ihrem Dienst ermordet wurde. Luchting erbte ein Vermögen. Allmählich baute er auch die GMBH zu ihrer bekannten Grösse auf.
Luchting galt als Dressman und zeigte seinen Reichtum offen. Im Sommerurlaub in Spanien, gerne auf Gran Canaria, feierte er ausufernde Feste und liess manchmal auch eine GMBH-Fahne hissen. Auf solchen Festen sollen viele Drogen konsumiert worden sein. Bisweilen liess Luchting sogar seinen cremefarbenen Rollce-Royce aus Hamburg nachkommen oder sein Sportboot. Einigen war das aber zu dick aufgetragen.
In solchen Ferienorten trafen sich damals Zuhälter aus grossen Städten Deutschlands und Österreichs.
Die GMBH beschloss, auch in diesen Urlaubszentren ihre dubiosen Geschäfte zu betreiben. Das führte aber dazu, dass Michael Luchting auch dort in die Streitereien im Milieu und ins Visier staatlicher Ermittler geriet. Damit begann sein Abstieg.

Verhaftung auf Gran Canaria:

Im Dezember 1981 ging Luchting wieder nach Gran Canaria, weil die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelte (auch aufgrund einer Prostituiertenaussage) und ihm „nach Windsurfen zumute“ war. Seine Freundin Manuela „Manu“ Luchting, seinen Rollce-Royce und sein Rennboot nahm er mit. Über seinem gemieteten Penthouse wehte wieder die GMBH-Flagge.
Doch Luchtings Auftreten war zu egozentrisch und er erkannte das sich ändernde Machtgleichgewicht auf St. Pauli nicht. Auch auf Gran Canaria war ihm das Glück nicht mehr hold. Einige Frauen warfen ihm vor, sie zur Prostitution gezwungen zu haben. Luchting musste daraufhin in den Knast von Telde auf Gran Canaria.
Während er im Gefängnis einsass und versuchte, einerseits freizukommen und andererseits seine Geschäfte in Hamburg unter Kontrolle zu halten, verschworen sich die anderen GMBH-Mitglieder gegen ihn und teilten seinen Geschäftsbereich unter sich auf. Die damaligen spanischen Gefängnisse so kurz nach der Franco-Zeit waren auch nicht angenehm.

Versuch, die Niederlage abzuwenden:

Luchting versuchte, aus dem spanischen Gefängnis heraus die Dinge wieder in den Griff zu bekommen. Dazu sprach er zum einen mit seiner Lebensgefährtin Manuela Luchting, zum anderen mit seinen Stellvertretern.
Dieser Versuch erwies sich jedoch als schwierig, da mindestens einer der Stellvertreter danach in Norddeutschland ermordet wurde. Dieter Mohr, eine Art Geldbote der GMBH, bekam in seinem Haus besuch von zwei Polizisten, die sich als gedungene Killer entpuppten. Als er aufmachte, war er sofort tot. Auch Dieter Förster, der „Wucherer von St. Pauli“, soll mit dem Fall Luchting zu tun gehabt haben. Er wurde tot im Kofferraum seines Audis aufgefunden.

Luchting überlegte sich zuerst, ob er seine Position mit Gewalt wieder zurückerobern könnte, gab dann aber frustriert auf. So zumindest eine Version des Vorgänge. Eine andere ist, dass er den Kampf aufnehmen und sich rächen wollte. Eine dritte ist, dass er in harmlosere Geschäftsbereiche umsteigen wollte.

Tod:

Auf jeden Fall wurde Michael Luchting 1982 bei einem Hochsitz in einem Waldstück bei Thieshope gefunden. Sein Geld (ca. 6000 DM) hatte er noch bei sich und sein Sportwagen stand in der Nähe. In dem Wagen lagen zwei Schreiben, die eine Art Abschiedsbrief und Testament darstellten. Darin stellt sich Luchting als verzweifelt dar und bittet seine Mutter, Walter „Beatle“ Vogeler und Anwälte, seinen Nachlass zu verwalten.
Auch um Luchtings Tod ranken sich mehrere Geschichten. Hauptsächlich streitet man sich über die Frage, ob es um einen Mord oder Selbstmord ging.
Es kann ein Selbstmord aus Enttäuschung gewesen sein, aber auch ein Mord.
Wenn es aber ein Mord war, muss noch geklärt werden, wie er zustande kam und wer der oder die Täter waren. „Angebote“ für die Tatausführung wären eine vorgehaltene Waffe (z. B. Pistole, Revolver, Schrotflinte) und/oder eine injiziertes Gift. Angebote für mögliche Täter wären die GMBH selber, Werner Pinzner oder eine Verbindung mehrerer Gruppen. Wenn es Werner Pinzner gewesen wäre, hätte er aber einen Hafturlaub genutzt haben müssen (was er in seiner Ganovenkarriere aber oft getan hat).

Quellen der Tatversionen:

– Stefan Hentschel beschreibt den Tod Michael Luchtings als Selbstmord,
den begründet er durch dessen verzweifelte Lage und die harten Haftbedingungen in Spanien;
allerdings wurde Hentschel trotz seiner Unabhängigkeit eine Nähe zur GMBH nachgesagt
– Thomas Born spricht von Selbstmord
– die Mutter von Michael Luchting legte einen Selbstmord nahe, weil er niedergeschlagen gewesen sei
– die Polizei wertet den Tod offiziell als Selbstmord;
(in internen Dossiers ging sie Dagobert Lindlau zufolge damals von Mord aus)
– StA Rüdiger Bagger lässt die Frage offen
– Thomas Osterkorn (Journalist, u. a. stern) spricht von Mord
– Janny Gakomiros bezeichnete den Tod als Mord und sah Pinzner als einen der Killer;
seiner Darstellung nach plante Luchting, in ungefährlichere Geschäftsideen zu investieren und war guten
Mutes
– Dagobert Lindlau vermutet einen Mord

Von den „Nutella-Jungs“, die wesentlich jünger als die GmbH-Luden waren, leben heute noch einige. Darunter auch der Mitgründer der Gruppe, Klaus Barkowsky, der „Schöne Klaus“, auch „Lamborghini-Klaus“ genannt.
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